Homo Analog

Wir leben in einer Zeit digitaler Veränderungen. Wer das feststellt, erntet mehr Zustimmung als Ablehnung. Was viele denken, aber nur wenige aussprechen: Wir stehen vor einer Zeitenwende! Digitalisierung und Automatisierung sind die Schlagbegriffe einer neuen Zeitrechnung, in der einer nicht mehr mitkommt: der Mensch. Utopie oder Dystopie? Die Wahrheit ist: Der Mensch wird zum Beifahrer der technologischen Zukunft.

Vor einer gefühlten Ewigkeit, in Wirklichkeit sind es aber nicht mehr als 20 Jahre, habe ich als junger Mensch Geld am Bankschalter abgehoben. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als die Bankangestellte mich nicht mehr bedienen durfte und stattdessen zum Bankautomaten führte. „Sie wissen schon, dass Sie mir gerade zeigen, wie Sie sich selbst überflüssig machen?“, platzte es damals aus mir raus. Ein mildes Lächeln war ihre Antwort.

Woher kommt die Angst vor der Zukunft?

Heute kaufen wir Möbel im Social Feed bei Instagram, buchen in Minutenschnelle eine Unterkunft in der ganzen Welt und zahlen am liebsten bargeldlos via Smartwatch, Smartphone und wenn’s denn sein muss auch noch mit der Bankkarte. Bequemlichkeit ist Trumpf. Die Welt wird zum Dorf, das digitale Gerät zur Schaltstation. Alles easy, alles gut. Warum also Angst vor der Zukunft? Weil genau das menschlich ist. Die Furcht vor dem, was kommt. So werden die scheinbar unaufhaltsamen Veränderungen, allesamt von Menschen initiiert, von eben denselben kritisch beäugt und mitunter abgelehnt. Ein Beispiel: „Ich glaub an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Das sagte einst Kaiser Wilhelm II, von 1888 bis 1918 letzter Deutscher Kaiser und König von Preußen. Klingt verrückt. Aber die Geschichte ist voller Momente, die erst in der Rückbetrachtung skurril wirken.

Zurück ins Jahr 2019. In die Welt von Blockchain, KI, Machine Learning, Cloud Computing, New Work, Big Data und Co. Alles schon mal gehört, aber nichts so richtig verstanden? Halb so wild. Du bist in guter Gesellschaft.

Wer weiß schon jetzt, was davon in zehn Jahren unser Leben wirklich verändert haben wird? Niemand. Nur so viel: Solange Technologie einen Nutzen hat, sie zweckmäßig ist, wird sie eher geschätzt als hinterfragt. Und das bedeutet: eher konsumiert statt boykottiert.

Nur der Mensch bleibt analog. Das ist kein Makel.

Die GAFA – Google, Amazon, Facebook und Apple – haben sich so zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht. In Jahren statt Jahrzehnten. Digitalisierung an allen Ecken und Enden. Nur der Mensch bleibt analog. Das ist kein Makel, sondern eine physikalische Tatsache.
Sehen wir sie als Chance: Wer den Menschen mit seinen Bedürfnissen wirklich in den Mittelpunkt seiner Unternehmung stellt, wird auch zukünftig erfolgreich sein. Weil der Mensch es honoriert – und zunehmend all diejenigen abstraft, die das nicht tun. Denn Menschen haben auch in Zukunft mit Menschen zu tun, hören sich zu, vertrauen sich – oder eben nicht. Schauen wir hinter Worthülsen wie B2C oder B2B, entdecken wir in Wahrheit vor allem eins: Mensch zu Mensch.

Das hat auch Amazon verstanden und will die Tante Emma der Neuzeit werden. Die wusste nämlich schon damals zielsicher, was mir als kleiner Junge gefällt und gefallen würde. Wenn’s das Brombeerbonbon mal nicht gab, hat sie mir den Kirschlutscher angeboten. In meiner Sprache, mit meinem Vertrauen und der Zustimmung meiner Gatekeeper, pardon Eltern. Daher setzt auch Content Marketing, wenn es strategisch und erfolgsorientiert ausgerichtet ist, den Menschen an erster Stelle. Alles geht vom Menschen aus und kommt zu ihm zurück. Technologie, Algorithmen und Co. sind dafür moderne Wegbereiter.

Karsten Ilm
Karsten Ilm ist Geschäftsführer von brandence. Privat mag es der Familienvater bodenständig. Wohnhaft auf einem Hof weiß er, dass kein Marketingtrend so alt wird wie die 42 Eichen in der eigenen Einfahrt. Die stehen dort seit 1902.