Stress lass nach!

Was wir über Stress und seine Auswirkungen wissen sollten.
Im Interview mit Virgilia Jansen-Preilowski.

VIRGILIA JANSEN-PREILOWSKI (33) ist freiberufliche Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologin und zert. systemische Coachin in Köln. Sie berät Firmen zu Personalthemen und gibt Seminare sowie Coachings zur Entwicklung von Mitarbeitenden, Führungskräften und Teams. Zusätzlich promoviert sie zum Thema Arbeit 4.0 und untersucht dabei die Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen und wie sich diese auf unser Stressempfinden auswirken.

Was passiert im Körper, wenn wir Stress haben?

Wenn eine Situation kognitiv als Stress bewertet wird, sendet das Gehirn Signale, um Stresshormone wie z. B. Adrenalin oder Cortisol auszuschütten. Der Puls erhöht sich, die Muskeln spannen sich an und die Verdauung wird pausiert. Alle körperlichen Abläufe, die nicht für die Bewältigung der Stressreaktion erforderlich sind, werden quasi runtergeschraubt. Andere dafür angekurbelt, um ausreichend Energie bereitzustellen.

Wie wirkt sich dauerhafter Stress auf den Körper aus?

Wenn wir akut im Stress sind, dann funktioniert der Körper erst mal besser. Klingt paradox, ist aber einfach zu verstehen: Der Körper reagiert auf eine bestimmte Situation und hilft uns, diese zu überstehen. Wir brauchen akute Stressreaktionen also, um kurzfristig leistungsfähig zu sein und schnell reagieren zu können. Wichtig ist, dass danach wieder eine Entspannung eintritt und der Körper sich erholen und in gewohnte Prozesse übergehen kann. Wenn chronischer Stress entsteht, eben diese Pausen fehlen, kehren sich diese Abläufe aber um: Man hat dauerhaft weniger Energie, ist dadurch anfälliger für Erkrankungen und fühlt sich ausgelaugt.

Macht Stress also krank?

Von dauerhaftem Stress können wir krank werden, ja. Das kann sich allerdings bei jedem unterschiedlich auswirken. Es gibt Leute, die bekommen Haarausfall, manche haben Probleme mit der Haut oder dem Magen-Darm-Trakt, einige bekommen Depressionen oder ein Burn-out. Es gibt sogar Studien, die einen Zusammenhang zwischen chronischem Stress und Krebserkrankungen vermuten lassen. Wichtig ist dabei, dass Stress auch immer eine Frage der Bewertung und des Umgangs damit ist. Burn-out beispielsweise bekommen tendenziell Personen, die – daher auch der Begriff Burn-out – für etwas übermäßig gebrannt und hohe Erwartungen an sich selbst haben oder den Erwartungen anderer gerecht werden wollen. Diese Menschen gönnen sich zu wenig Pausen, weil sie meinen, sie nicht zu benötigen. Selbst wenn sich das aber in dem Moment wie positiver Stress anfühlt, sind diese Phasen der Entspannung wichtig, um sich seine Energie gut einzuteilen.

Das Stressempfinden variiert aber von Mensch zu Mensch, oder?

Ja, das liegt an der eigenen Bewertung. Das hat zum einen was mit Erfahrungswerten zu tun, die man gesammelt hat, zum anderen aber auch viel mit inneren Glaubenssätzen bzw. inneren Antreibern, die sich in der Kindheit und Jugend z. B. durch die Erziehung entwickelt haben. Diese führen dazu, dass wir uns selber Druck machen und nach diesen Glaubenssätzen handeln möchten, um „okay“ zu sein bzw. geliebt zu werden. Vor allem unter Stress zeigen sich diese Muster besonders stark.

Wie gehen Chefs* mit gestressten Mitarbeitern* um?

Da kommt es ganz stark auf die Unternehmenskultur an. Eigentlich liegt es ja sogar gesetzlich gesehen in ihrer Verantwortung, die Gesundheit der Mitarbeiter* zu erhalten und zu fördern. Das heißt also, wenn ich zu meinem Chef* gehe und sage, ich habe zu viel Stress, sollte auch eine Lösung gefunden werden. Oft ist es in der Praxis aber aufgrund von wirtschaftlichen Faktoren nicht möglich. Es kommt also immer auf das Verhältnis zu den Vorgesetzten an, auf die Arbeitsbelastung und die Möglichkeiten des Unternehmens, einem Mitarbeiter* entgegenzukommen.

Was ich als sehr wirksam empfinde, ist eine offene Kultur. Wenn also der Vor- gesetzte* auch mal aktiv nachfragt und vor allem ein gesundes Stressmanagement vorlebt. Also nicht ständig Überstunden macht, sich Auszeiten nimmt und seinen Mitarbeitern* so den „richtigen“ Weg zeigt. Wenn dann noch ein zusätzliches Sportangebot besteht, eine aktive Pause oder auch Massage, ist das sehr positiv. Auch Seminare zum Thema Stress- oder Selbstmanagement sind sinnvoll.

Welche Methoden empfehlen Sie, um Stress abzubauen bzw. ihn gar nicht erst aufkommen zu lassen?

Ich finde die Stressbewältigung nach Kaluza sehr effektiv. Der Psychotherapeut Prof. Dr. Gert Kaluza geht davon aus, dass Stress auf drei Ebenen entsteht:

Zur Ebene der Stressoren zählen sämtliche äußere Stressfaktoren wie Zeit- und Leistungsdruck, Hitze oder Lärm, physische Stressfaktoren, sowie soziale Stressoren wie beispielsweise Mobbing durch Arbeitskollegen*.
Die Ebene der persönlichen Stressverstärker ist abhängig von unseren persönlichen Einstellungen und Bewertungen. Empfinden wir eine Situation als stressig oder nicht. Das wiederum hängt mit den schon genannten eigenen Antreibern zusammen.

Dann gibt es noch die Ebene der Stressreaktion: Die besagt, dass auf die äußeren und persönlichen Stressfaktoren körperliche und psychische Reaktionen folgen. Das können Muskelverspannungen, Tinnitus, Herzrasen, innere Unruhe, Grübeln und Konzentrationsprobleme sein. Bei dauerhaftem Stress können daraus psychosomatische Stressreaktionen und schlimmstenfalls Organversagen, Depressionen und Burn-out folgen.

PRÄVENTIONSMAßNAHMEN NACH KALUZA!

Auf Basis der drei Ebenen der Stressentstehung findet laut Kaluza ein mögliches Stressmanagement auf drei Wegen statt.

Analyse und Veränderungen der äußeren Stressfaktoren 

Wenn mich also die ständigen Erreichbarkeit stresst, kann ich die Push-Benachrichtigungen auf dem Handy ausschalten. Also an der Situation konkret was ändern.

Analyse und Veränderung der persönlichen, Stress verstärkenden Einstellungen und Denkweisen

Wir müssen mit unseren Glaubenssätzen arbeiten und uns diese bewusst machen. Danach sollten wir Erlauber entwickeln, um die Antreiber wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der Perfektionist muss also lernen, dass gut auch gut genug ist und er trotzdem wertvoll ist.

Abbau der Stressreaktionen und Entwicklung von Strategien zur langfristigen Stressbewältigung

Das bedeutet die Reduzierung der körperlichen Symptome, also zum Sport oder Yoga zu gehen, zu meditieren, sich besinnen oder Atemübungen machen.

Kim Gerecht
Kim Gerecht ist Redakteurin bei brandence. Die gelernte Journalistin nimmt schon berufsbedingt kein Blatt vor den Mund. Kleidung für ihren dreijährigen Sohn kauft sie auch gern mal in der Mädchenabteilung.