Willkommen im Vorstand, liebe Frau Mustermann.

SPD-Politiker Heiko Maas bezeichnete sie 2015 als den größten Beitrag zur Gleichberechtigung seit der Einführung des Frauenwahlrechts: die Frauenquote. Große Fußstapfen, die sie ausfüllen sollte. Schaut man sich aktuelle Zahlen an, kullert sie jedoch eher darin herum. Wieso? Wir haben mit einer Frau gesprochen, die Antworten hat: die ehemalige MDAX-Vorständin Heidi Stopper.

Laut einer Erhebung von Ernst & Young Anfang 2019 haben ein Drittel der DAX-, MDAX- und SDAX-Unternehmen mindestens eine Frau im Vorstand – nur fünf Prozent mindestens zwei. Das ist zu wenig, findet Heidi Stopper: „Es geht viel zu langsam. Die Zahlen sind erschreckend. Verglichen mit dem europäischen Ausland sind wir nicht gerade rühmlich aufgestellt.”

Doch woran liegt es? „Wenn man der Forschung folgt, sind die Stereotypen schuld, mit denen wir aufwachsen. Die prägen Berufswahl und Verhalten.” Da gehe es nicht nur ums Topmanagement, sondern auch um die Hierarchielevel darunter. Man müsse schon in der Erziehung ansetzen. Oft täten sich vor allem diejenigen schwer, die selbst eine andere Rollenverteilung leben. „Die meisten Chefs, die ich hatte, hatten nicht berufstätige Frauen. Die haben ihre Rollenbilder oft erst geändert, wenn sie selbst Vater einer berufstätigen Tochter wurden, die eventuell auch Kinder bekam. Ich würde allerdings nur ungern so lange warten, bis alle jetzigen Vorstände Opa sind.”

Die Frauenquote hat für Stopper trotzdem ihre Berechtigung. „Da haben wir die Wahl zwischen Pest und Cholera. Denn: ohne Quote keine Frauen. Da hat sich in den letzten Jahren leider gar nichts getan. Aber: Wer will schon die Quotenfrau sein? Ich bin trotzdem der Meinung, dass wir die Quote brauchen – zumindest für eine gewisse Zeit, um Vorbilder zu verankern.” Wichtiger seien weitere Maßnahmen und vor allem auch ein Umdenken: „Je mehr Männer sich auch um Kindererziehung kümmern und Elternzeit nehmen, desto weniger wird es ein reines Frauenthema.” Aber Personaler* müssten auch moderne Arbeitsbedingungen schaffen. Nicht nur für Mütter. Gerade die junge Generation habe einen Anspruch auf flexible Arbeitszeiten, Home-Office und mehr.

Auch den Staat nimmt die 49-Jährige in die Verantwortung. „Die Politik kann und muss regulierend eingreifen. Wie gut das klappt, sieht man in Frankreich: Wenn eine Familie viele Kinder hat, zahlt sie dort fast keine Steuern.” Es gebe Ganztagsschulen und Absatzmöglichkeiten von Betreuungskosten. Außerdem müssten Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern zwei Prozent der Lohnsumme in soziale Maßnahmen investieren, böten zum Beispiel Ferienbetreuung an. Und diese Mittel zeigen Erfolg: „Frauen haben eine höhere Beschäftigungsquote in Frankreich.” Und davon profitieren alle, denn laut einer 2018 veröffentlichten Studie von McKinsey erzielen gemischte Teams bessere wirtschaftliche Ergebnisse.

Kim Gerecht
Kim Gerecht ist Redakteurin bei brandence. Die gelernte Journalistin nimmt schon berufsbedingt kein Blatt vor den Mund. Kleidung für ihren dreijährigen Sohn kauft sie auch gern mal in der Mädchenabteilung.